Frau Komachi empfiehlt ein Buch von Michiko Aoyama

Eistee und Kaffee empfiehlt Frau Komachi empfiehlt ein Buch – das wäre doch mal eine lustige Schlagzeile. Aber kann ich das reinen Gewissens? Dazu später mehr. Erstmal müssen wir klären, was für eine Art von Buch wir hier vor uns haben. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Ich musste ein wenig in Richtung John Strelecky’s „Café am Rande der Welt“ denken. Nur, dass es hier fünf Kurzgeschichten sind. War damit schon fast bei sowas wie Ratgeber, aber nicht ganz zufrieden. Internet sagt: Wohlfühlroman – das loggen wir mal so ein.

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Ich war auf der Suche nach einer Überbrückung bis die nächsten Teile der Inheritance Games über die Onleihe verfügbar wurden. Beim Stöbern bin ich dann über das Buch gestolpert: Ansprechendes Cover, ungewöhnlicher Titel, Anregungen zur Selbstreflexion und das Label Spiegel Bestseller. Klang vielversprechend und nach einer Abwechslung zu den aktuellen Bücherreihen.

Wenn du das Buch noch nicht gelesen hast, spring direkt zum Fazit. Ansonsten geht es jetzt ans Eingemachte!

An der Stelle fängt der Hamster das Humpeln an. Für die fünf Kurzgeschichten bräuchte es jeweils eine eigene Zusammenfassung -inklusive der Reflexionen und Denkanstöße, die für mich mit den einzelnen Geschichten einher gegangen sind. Also machen wir das gleich auch so.

Ein paar Worte zum grundsätzlichen Setting: Unsere fünf Charaktere, aus ganz unterschiedlichen Lebensphasen und Hintergründen, hadern mit sich oder ihrem Leben. Aus diversen Umständen landen sie dann bei Frau Komachi in der Bibliothek des Gemeindehauses, lassen sich von ihr Bücher für ein gewisses Themenfeld empfehlen, bekommen dann zusätzlich ein „fachfremdes“ Buch dazu, lassen sich davon inspirieren und finden zu mehr Zufriedenheit im Leben.

Warum die 21-jährige Verkäuferin Tomoka Castellakuchen backen musste:

Tomoka’s Traum von der Großstadt wurde in einer mittelprächtigen Boutique zur ernüchternden Realität. Dazu: Kaum Freizeit oder Freunde, schlechte Ernährung und Angst ihr „Versagen“ daheim zuzugeben. Um sich beruflich weiterzuentwickeln, nimmt sie an einem Excelkurs teil. Auf der Suche nach ergänzender Lektüre bekommt sie von Frau Komachi auch ein Kinderbuch empfohlen. Es geht um die Zubereitung eines Castellakuchens (vorher noch nie gehört) und Improvisation bei den Zutaten. Sie probiert es anschließend selbst. Es klappt nicht alles sofort, aber es macht Spaß und geht voran. Auch ihre Ernährung wird besser. Sie backt. Achtet auf sich. Tut ihr selbst Gutes. Stück für Stück. Kurz: Es muss nicht alles gelingen.

Es braucht seine Zeit, bis man etwas draufhat. Mehr nicht.

Dinge verlaufen nicht immer nach Plan. Und das macht sie besonders.

Warum der 35-jährige Buchhalter Ryo mal ins Grüne musste:

Geschichte Nummer zwei führt uns zu Ryo, der schon seit Lebzeiten von einem eigenen Antiquitätenladen träumt. Sein Job nimmt ihn aber komplett in Beschlag und das Wort „irgendwann“ wird nie zu „jetzt“. Seine Freundin macht es besser und arbeitet nebenbei fleißig am eigenen Onlineshop – sie besucht übrigens den gleichen Computer-Kurs wie Tomoka. Er nimmt sie aber nicht wirklich ernst, weil verträumter und jünger. Das Zusatzbuch bezieht sich eigentlich auf Botanik. Nicht das sichtbare macht eine Pflanze aus, sondern auch ihre Wurzeln (=Familie, die einen unterstützt). Parallel besucht er ein Lesecafé und versteht das Konzept des Zweitjobs. Ihm wird bewusst, dass viele „was wäre, wenn“ ihn zurückgehalten haben.

Wenn Aufregung Ängstlichkeit überwindet, dann werden Träume wahr.

Warum die 40-jährige Redakteurin Ryo einen Perspektivwechsel gebraucht hat:

Ryos Leben hat sich durch ihre Tochter mehr verändert, als ihr lieb war. Zu viele Verpflichtungen. Keine Chance wieder ins alte Berufsleben zurückzukehren. So ist sie hilflos gefangen zwischen dem Ruf ihres Herzens und der Realität. Dann geht’s in die Bibliothek. Neben Bilderbüchern für die Kleine, gibt’s ein Buch über unsere Erde. Es geht um unterschiedliche Perspektiven zwischen dem Internen (Mond) und Externen (Sonne). Tut eher peripher zur Sache. Sie hat noch einen emotionalen Zusammenbruch und arbeitet es mit ihrem Mann auf. Glücklicherweise stößt sie auf Verständnis und bekommt Rückendeckung. Sie wird aktiv und über ein paar glückliche Umstände kommt sie zu einem Verlag für Kinderbücher. Plötzlich passen ihre Lebensumstände perfekt für den Job.

Was man für mangelhaft hält, kann sich im richtigen Kontext ins Gegenteil verkehren.

Wenn du dich in Bewegung setzt, reagiert deine Umwelt auch.

Dinge laufen nicht wie geplant: Manchmal versucht man sich selbst treu zu bleiben und verändert sich – manchmal will man sich verändern und bleibt doch der/die Alte.

Warum Worte dem 30-jährigen Arbeitslosen Hiroya Flügel verleihen:

Hiroya wurde als Illustrator abgelehnt, weil seine Zeichnungen für die breite Masse zu polarisierend waren. Wie es bei sensiblen Künstlern so ist, hat er sich dann zurückgezogen. Es folgt der Abstecher bei Frau Komachi. Sein Sonderbuch ist die Evolutionstheorie: In der heutigen Zeit führen Selbstzweifel zur natürlichen Selektion. Abhilfe schafft ein Perspektivwechsel für unseren Künstler: Nicht jeder mag die Kombination aus Ananas und Geflügel (oder Pizza), aber manche finden es richtig geil. Das reicht, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Dazu trifft er einen ehemaligen Schulfreund und mittlerweile erfolgreichen Buchautor. Sein Erfolgsrezept: In der Schule gab es einen Schüler (nämlich Hiroya), der lobende Worte für die Romane hatte und ihn motiviert hat dranzubleiben. Fortan versucht unser Illustrator nicht mehr mit seinen Zeichnungen berühmt zu werden, sondern Herzen zu berühren. Er fängt wieder an im Gemeindezentrum zu zeichnen. Da bekommt er dann auch einen Nebenjob. Er bedankt sich am Ende (unter meinen Tränen) bei seiner Mutter, die ihn während der ganzen Zeit nie unter Druck gesetzt hat.

Die richtigen Worte zur richtigen Zeit können einem Flügel verleihen

Warum für den 65-jährigen Rentner Masao nun auch der letzte Keks zählt:

Nach Renteneintritt realisiert Masao schnell, dass er gar nicht so stark sozial eingebettet ist, wie er dachte. Er geht auf Drängen seiner Frau zu einem Go-Kurs im Gemeindezentrum. Mag er so semi. Natürlich nicht weit: Die Bibliothek und sein Sonderbuch „Tragant und Frösche“, ein scheinbar sehr bekanntes japanisches Poesiewerk. Damit kann er erstmal wenig mit anfangen. Frau Komachi offeriert im weiteren Verlauf auch, dass sie eigentlich nur random Bücher mitgibt und die Leute selbst einen Sinn hineininterpretieren lässt. Danke dafür. Es folgen noch (weniger nennenswerte) Gespräche mit dem örtlichen Hausmeister und seiner Tochter. Überraschung: Seine Perspektive aufs Leben ändert sich in dem Zuge. Die Late-Life-Crisis ist beendet. Kurzgesagt: Die letzten Kekse in der Packung sind genau so wertvoll wie die ersten.

Bewerte dein Tun nicht nur danach, was dir nützt, sondern danach, was dich begeistert. So baust du von allein eine ganze Sammlung an Fähigkeiten auf.



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Bewertung: 3 von 5.

Über die fünf Geschichten hinweg waren einige schöne Szenen und nette Metaphern zum Nachdenken dabei. Persönlich fand ich es allerdings an vielen Stellen recht oberflächlich. Der Begriff Wohlfühlroman vom Anfang trifft es da ganz gut. Trotzdem war es für mich eher das Prinzip Gießkanne. Ich kann mir gut vorstellen, dass je nach Lebensphase oder -situation unterschiedliche Aspekte der Geschichten für einen gut funktionieren. Entsprechend liest man sich aber auch durch Geschichten, zu denen man weniger Bezug hat. Hätte ich für den Blog nicht einige Aspekte rausgeschrieben, wären bei mir vermutlich nur wenige Dinge hängen geblieben. In Summe also ein gefälliges Buch ohne den großen Ausschlag nach oben.

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