Bist du glücklich? Und falls ja, woran machst du das fest? Und überhaupt: was ist Glück überhaupt?! Diesen spannenden Fragen gehen wir auf den Grund… zumindest provisorisch.
Dazu noch eine Weltneuheit: Das erste Reclam-Heft auf dem Blog. Wuhu! Kultur! Tiefgang! Scharfsinn! Wer hier mehr als eine Rezension gelesen hat, weiß: Alles leere Versprechungen. Ich bemühe mich trotzdem, meine Gedanken hier sinnvoll zusammenzupuzzeln.
Wie bei den Sachbüchern üblich, ändere ich das Format etwas ab. Hier liegt der Fokus eher darauf, was ich für mich mitgenommen hab, statt auf den üblichen Punkten, die ich gelungen oder weniger gelungen fand.

Auf einen Blick

Genre:

Seitenzahl: 110

Verlag: Reclam

Jahr: 2024

Tropes/Themen:

Wie bin ich bei diesem Buch gelandet?
Wie so häufig in letzter Zeit war eine Stöberei in der Onleihe der Grund. Klang nach einem spannenden Thema und bei 110 Seiten kann man ja nicht so falsch liegen. Oder?
Achtung, ab hier wird gespoilert!
Wenn du das Buch noch nicht gelesen hast, spring direkt zum Fazit. Ansonsten geht es jetzt ans Eingemachte!

Worum geht’s?
Auf unserem Exkurs wird das „Glück“ aus ganz unterschiedlichen Facetten beleuchtet. Unter anderem wird das Glücksempfinden im Altersverlauf thematisiert, die gesellschaftliche Sicht, der Zusammenhang mit Geld, Reisen, Scheitern, Moral, Unglück, Biologie und noch vieles mehr. Die traurige Nachricht vorweg: Dauerhaftes Glück gibt es nicht. Sorry. Insgesamt beschreibt Walz hier – finde ich – eine pessimistischere Sicht, als es unsere aktuelle Gesellschaft so zeichnet. Dazu dann gleich mehr.

Was nehme ich für mich mit?
- Glück ist ein wesentlicher Faktor zum Glück: Steile These, wa? Es geht hier aber um zwei verschiedene Bezeichnungen. Ersteres bezieht sich auf einen glücklichen Umstand, zweiter es auf das Gefühl. Da kommt das Gesellschaftsbild ins Spiel: Individuelles Scheitern wird oft nur der eigenen Leistung zugeschrieben. Das gibt uns positiv gesehen Selbstwirksamkeit und das Gefühl, Kontrolle zu haben. Negativ: Es gibt auch einfach Situationen, da kann man nichts dafür. Genau das sieht die moderne Gesellschaft laut Walz zu wenig. Wer Bluelock geschaut hat, weiß: Man kann alles richtig machen, aber manchmal prallt der Ball eben falsch ab. Macht schon Sinn. Wir sehen Chancen tendenziell zu oft an Stellen, wo wir gar keine hatten und geben uns (bzw. lassen uns) die Schuld geben. Ein realistischer Blick wäre hier durchaus sinnvoll. Manchmal ist ein Trauma oder ein Fehler eben keine Chance, sondern einfach nur Mist. Ich denke, so genau wird man es aber nie treffen können. Und ist dann eine „zu“ optimistische Sicht nicht trotzdem besser, als an eine vorhandene Chance nicht zu glauben?
- Warum Kant empfiehlt, an Gott zu glauben: Es gibt viel Unglück in der Welt. Der Gedanke, dass das diese Ungerechtigkeit am Ende wirklich noch siegt, kann ziemlich unbefriedigend sein.
- Die glamouröse Oberflächlichkeit unserer Zeit: Ich glaube, mittlerweile ist vielen bekannt, wie sehr uns die modernen Algorithmen das langfristige Glück streitig machen wollen. Lieber impulsiv den nächsten Dopamin-Kick gönnen, bis die Synapsen glühen, als langfristige Interessen zu verfolgen. „Die moderne Konsumindustrie blockiert und manipuliert unsere Selbstbestimmung.“ Finde, da hat er einen Punkt. Ich merke selbst, wie stark dieser Sog mal sein kann, wenn man mal drin hängt. Ich kann hier allen, die sich hier auch erkennen, nur wärmstens AppBlocker empfehlen. Das war einer meiner Takeaways von Feel-Good Produktivity. Hilft zumindest so lang, bis man irgendeine Umgehungslösung hat einschleifen lassen.
- Stichpunkte über Leichtsinn, Liebe und Materialismus: Einfach nur ein Sammelbecken verschiedener Mitschriften ohne konkrete Weiterverarbeitung: Ereignisse machen Menschen glücklicher als Sachgüter. Verliebtheit wird beschrieben als chemisch induzierter Wahnsinn und Leichtsinn ist das Beste, was wir haben. Es ist gut, auch mal unvernünftig zu sein.
- Glücksverschleiß und Frustration: Dauerglück ist in sich ein Widerspruch. Walz erklärt: Irgendwann gewöhnt man sich an das neue Glückslevel und will mehr. Klar, dass das irgendwann an eine Grenze kommt. Deshalb sollte man sich immer bewusst sein, dass man sich beim Streben nach mehr Glück auch die Kehrseite (Melancholie, Vergänglichkeit, usw.) mit einkauft. Aber das ist ja irgendwie das Schöne am Leben. Find ich zumindest. Auch, wenn’s weg tut. Augenblicke genießen, ohne deren Flüchtigkeit zu vergessen, und Chancen ergreifen ohne sein Herz daran zu hängen. Das sagt sich so einfach. Man merkt doch erst, wie toll manche Sachen sind, wenn sie weg sind, oder? Vielleicht sind Dankbarkeits-Tagebücher gar nicht so verkehrt. Zeke hat ja auch erst viel später gemerkt, dass das Glück auf Erden für ihn daraus bestand, einen Baseball immer wieder zu werfen und zu fangen. Für mich ist es wahrscheinlich der Eistee am Wochenende oder eine neue Boulderoute. Sollte ich mal mehr wertschätzen.
- Wie fühlt sich Glück im Alter an: Indirekt zitiert: Die Kohlen werden zwar weniger, aber solange die Glut noch glüht, gibt man sich nicht so einfach mit einem Verlust der Lust ab. Finde ich irgendwie einen sehr ermutigenden Gedanken. Bereits jetzt mit meinen 30 Jährchen merke ich, dass manche Sachen sich nicht mehr ganz so intensiv anfühlen wie beispielsweise noch die Studienzeit. Man hat halt schon ein wenig erlebt. Ich hoffe sehr, dass ich auch im Alter noch Dinge habe, die mich antreiben/erfüllen. Kleines Songquiz: Solange ich noch Glut in meiner Kohle hab, brennt mein Herz für mich lichterloh… Wer kennt’s?
- Eine lustige Anekdote zum Abschluss: Als König Alexander der Große dem in einer Tonne lebenden Diogenes jeden Glückswunsch versprach, soll Diogenes gesagt haben: „Geh mir aus der Sonne!“
Mein Fazit
Für knapp über einhundert Seiten kam hier doch einiges an Denkanstößen zusammen. Das hat mir gefallen, auch wenn es ein schneller Galopp durch die verschiedenen Facetten war. Was mir persönlich aber ein wenig gefehlt hat, war der Praxistransfer. Vermutlich tut die Kritik hier dem Buch auch ein wenig Unrecht. Wir sind hier schließlich in der Welt der Reclamhefte. Selbst Denken ist schließlich erlaubt. Die eigene Einstellung hinterfragen. Und so weiter. Aber zum „Glück“ kann ich ja hier ja auch einfach nach meinem Gefühl gehen.

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